Schwedens Nationalstürmerin Pernilla Winberg im Interview

05 September 2019

„Wir wollen eine bessere Zukunft für das Fraueneishockey“ Pernilla Winberg

(Interview) (Tim Sinzenich) Mit erst 15 Jahren nahm sie 2004 an ihrer ersten Weltmeisterschaft teil und gewann im Folgejahr die Bronzemedaille. Und bereits mit 16 Jahren ihr größter Triumph: die olympische Silbermedaille in Turin 2006, gefolgt von einer weiteren WM-Bronzemedaille 2007. Hinzu kommen mehrere schwedische Meistertitel. Bei den Olympischen Spielen in Sochi 2014 war sie zweitbeste Scorerin, sogar noch vor Spielerinnen wie Hilary Knight, Kendall Coyne and Brianna Decker.

Schwedens Nationalstürmerin Pernilla Winberg, aktuell für Linköping HC in der schwedischen SDHL im Einsatz, kann bereits jetzt auf diese und weitere Erfolge zurückblicken. Leider ist ihre beeindruckende Karriere jedoch nicht der Anlass für dieses Interview, für welches sie sich freundlicherweise Zeit genommen hat.

Seit mehreren Jahren geht es mit dem schwedischen Fraueneishockey bergab. Anlass sind die schockierenden Gründe für den Niedergang der Damkronorna, deren Spielerinnen nicht nur mit Männertrikots spielen mussten, sondern vielen weiteren Zumutungen ausgesetzt waren.

Pernilla, am 14. August hatten alle 43 schwedischen Nationalspielerinnen unter dem Hashtag #FörFramtiden (#FürdieZukunft) erklärt, nicht am 5-Nationen-Turnier in Finnland teilzunehmen, welches vor Kurzem zu Ende ging. Was waren die Hauptgründe für diese Entscheidung?

Pernilla Winberg: Wir möchten eine bessere Zukunft für das Fraueneishockey und das bekommen, was wir verdienen, um uns zu entwickeln und auf dem höchsten Level mitspielen zu können. Wir müssen Geld erhalten, wenn wir unterwegs sind, um unser Leben bestreiten zu können, wenn wir von den Turnieren zurückkommen. Denn wir arbeiten normalerweise unter der Woche. Wir wollen also einfach vom Verband SIHF Respekt und dass sie uns wie Profis behandeln und einen Plan haben, damit wir erfolgreich sein können! Dies sowohl durch Interesse für uns als auch eine gute Reiseplanung, damit wir in der Lage sind, entsprechende Leistungen zu bringen.

Einen Monat vor eurem enttäuschenden 7. Platz bei den Olympischen Spielen in PyeongChang musstet ihr auf dem Rückweg von einem Turnier im finnischen Turku die Samstagabendfähre nach Stockholm nehmen und von dort aus weiter in eure Heimatstädte. Wie viele Stunden wart ihr von Tür zu Tür unterwegs?

Pernilla Winberg: Für mich dauerte die Rückreise etwa anderthalb Tage. Mit dem Flugzeug wären es eine Stunde Flug und nochmals zwei Stunden mit dem Zug nach Linköping gewesen.

Ihr habt häufig Nahrungsergänzungsmittel bekommen, deren Mindesthaltbarkeitsdatum bereits abgelaufen war, teilweise um mehrere Monate – obwohl der Verband mehrere Hersteller aus diesem Bereich als Sponsoren hat. Wie habt ihr euch versorgt?

Pernilla Winberg: Wir haben manchmal selbst etwas mitgebracht oder uns Bananen oder leicht zugängliche Lebensmittel besorgt.

Wann begannen diese Probleme? Geschah das abrupt, oder war es ein schleichender Prozess?

Pernilla Winberg: Es war ein schleichender Prozess, der ungefähr vor neun Jahren begann.

Die Frauennationalmannschaft hat diese Dinge wiederholt beim Verband bemängelt. Wie haben die Verantwortlichen darauf reagiert?

Pernilla Winberg: Sie sagten, sie würden dem nachgehen, aber wir haben dann nie wieder irgendetwas dazu gehört. Jedes Mal, wenn wir versucht haben, über die unterschiedlichen Probleme zu reden, sagten sie, sie könnten nichts machen.

Wie lauten eure Forderungen?

Pernilla Winberg: Wir möchten einfach respektvoll behandelt werden, dass sie unseren Erfolg wollen und dass sie uns ein Ziel setzen und die richtigen Mittel bereitstellen, um dies zu erreichen. Sie sollen uns nicht als Belastung betrachten und wenigstens minimale Ressourcen zur Verfügung stellen.

Hast du eine Erklärung, wieso sowohl Präsident Anders Larsson als auch der Generalsekretär Tommy Boustedt offenbar überrascht über die Zustände waren?

Pernilla Winberg: Nein, ich denke, sie waren überrascht, weil sie sich nie die Zeit genommen haben, uns zu verstehen. Das war so offensichtlich, und deshalb muss es derart überraschend für sie gewesen sein, als sie von uns gehört haben.

Was ist deine Meinung zu ihrer Reaktion?

Pernilla Winberg: Ich bin überrascht, dass sie so lange gebraucht haben, die Situation zu verstehen und wie ernst sie ist. Aber als jeder begann, uns mit unseren Anliegen zu unterstützen und der Wahrheit ins Auge zu blicken, denke ich, dass sie ebenfalls erkannt haben, dass dies ein Thema ist, welches wir nicht mehr beiseiteschieben können.

Beim ersten Treffen saßen der Verband, die Spielergewerkschaft SICO, die SDHL und mit Erika Grahm und Johanna Fällman zwei Spielerinnen gemeinsam an einem Tisch. Wie beurteilst du dieses erste Treffen sowie das zweite am vergangenen Donnerstag?

Pernilla Winberg: Ich denke, es entwickelt sich langsam, und man beginnt, einander zu verstehen. Aber wir wissen noch nicht viel, denn gelöst ist derzeit noch nichts. Sie haben sich jedoch geöffnet, um uns zuzuhören, was sehr wichtig ist.

Was sind die nächsten Schritte?

Pernilla Winberg: Darauf warten, dass sie verstehen, wie wichtig das ist, und uns einen Plan aufzuzeigen, der mit uns und nicht gegen uns arbeitet.

Besteht die Chance, zu einer Atmosphäre des Vertrauens und der Zusammenarbeit zurückzukehren?

Pernilla Winberg: Ja, natürlich! Wir müssen glauben, dass sie das Beste für uns wollen, aber wir müssen auch sicherstellen, dass wir in die richtige Richtung arbeiten und nicht rückwärts.

Wie waren die Reaktionen von Spielerinnen aus anderen Ländern gegenüber #FörFramtiden? Und wie haben die männlichen Spieler reagiert?

Pernilla Winberg: Es war wirklich sehr positiv, und wir haben sehr viel Unterstützung aus der ganzen Welt erfahren. Sogar NHL-Spieler unterstützen uns und verstehen, dass wir die richtigen Voraussetzungen benötigen, um erfolgreich zu sein. Und dass wir diese verdienen.

Wenn du in die Zukunft blickst, wo soll das schwedische Fraueneishockey im olympischen Jahr 2022 stehen? Und wie wollt ihr behandelt werden?

Pernilla Winberg: Ich denke, wir können von diesem Punkt aus nur aufwärts gehen. Jetzt ist es an der Zeit, einen guten Plan zu machen, um in all den verschiedenen Bereichen erfolgreich zu sein und gute Ergebnisse auf dem Eis zu erzielen. Du brauchst immer die richtigen Mittel, um erfolgreich zu sein.

Pernilla, vielen Dank dass du dir Zeit für uns genommen hast. Wir wünschen euch allen Erfolg und hoffen, euch wieder beim 4-Nationen-Turnier in Füssen zu sehen, das vom 12. bis 15. Dezember stattfinden wird.

Erste FörFramtiden Erklärung vom 14. August 2019

Erste #FörFramtiden-Erklärung vom 14. August 2019


Zweite FörFramtiden Erklärung vom 16. August 2019

Zweite #FörFramtiden-Erklärung vom 16. August 2019

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