„Es waren wirklich emotionale Monate“ – Interview mit Noemi Ryhner

10 Mai 2020
Noemi Ryhner im Trikot der Frauen-Nati Bild: privat

(Interview) (Tim Sinzenich) Für Frauen-Nati-Stürmerin Noemi Ryhner (20) vom SC Reinach waren die letzten Monate sportlich und emotional schon so geprägt von Erfolgen und Enttäuschungen. Dann kam Corona.
Darüber, Florence Schellings neue Position und die abgesagte Heim-WM der Männer erzählt sie uns in einem ungekürzten und sehr tiefgründigen Interview. Und hat zum Schluss einen sehr guten Rat, wie jeder von uns emotional besser durch diese schwierige Zeit kommt.

Noemi, wie bist Du zum Eishockey gekommen?

Noemi Ryhner: Am Anfang war da mein älterer Bruder (Dominik). Er war es, welcher den Eishockey-Virus nach Hause gebracht hat. Zudem haben meine Eltern zu Beginn noch einen ungewollten Beitrag dazu geleistet. Mein Vater (Réne) und meine Mutter (Angela) halfen als Betreuer/in mit in der Garderobe. Das hatte zur Folge dass ich als jüngste Tochter immer mitgehen musste. So hat mich es ebenfalls gepackt, und ich wollte mitspielen. Anfangs war meine Mutter nicht wirklich begeistert. Sie fand halt, es sei ein Männer-Sport. Dazu kam noch die Schwierigkeit, dass mein Verein, der EV Zug, keine Mädchen wollte. Doch ich konnte in der Hockeyschule überzeugen und schaffte es mit 6 Jahren bei den Bambini (heute U9) des EVZ aufgenommen zu werden. Der Ort also, wo meine „Karriere“ begann.

Die Frauen-Nati hatte bei der WM 2019 in Finnland alle Spiele der A-Gruppe verloren. Wo siehst Du Euer Team im internationalen Vergleich jetzt und was glaubst Du ist für die Zukunft drin?

Noemi Ryhner: Alle Teams arbeiten sehr hart, inklusive wir. Die grösste Lücke sehe ich leider bei der Physis. Hier hat die Schweiz noch viel mehr Potenzial. Wir müssen jeden Tag mehr machen wollen, um international dabei zu bleiben und auch mit Top Teams auf Augenhöhe mitspielen zu können.

Wir sind jetzt eine sehr junge Truppe, lernwillig und ehrgeizig. Das wird in den kommenden Jahren mithelfen, uns weiter zu bringen. Gerade im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2022 haben wir nun noch fast 2 Jahre Zeit, um hart zu arbeiten und dann unser kleines Land stolz machen zu können!!!

Die Nachricht, dass Florence Schelling Sportchefin beim SC Bern wird, schlug in der sehr männerdominierten Eishockeywelt wie eine Bombe ein, noch Wochen später wird immer wieder darüber berichtet. Glaubst Du, dass sich da eine Tür für die Frauen auch hinter der Bande oder in leitenden Positionen im Eishockey öffnet?

Noemi Ryhner: Persönlich fand ich diese Nachricht extrem cool. Ich bin wohl nicht die einzige die positiv überrascht war. Gerade weil es so etwas noch nie gegeben hat. Auf jeden Fall ist das für Florence Schelling eine Riesenchance, und ich hoffe für sie, dass sie den Rückhalt vom SCB auf Dauer erhält und der Eishockeywelt zeigen darf was sie kann. Dieser Entscheid hat ja vielleicht auch Signalwirkung für andere (ich beschränke mich mal auf) Eishockey-Unternehmen und gibt womöglich Aufwind für die Frauen auf ähnlichen Positionen. Schliesslich weiss man nie, was die Zukunft auch für uns Frauen in diesem Berufszweig bringen kann. Dieser Entscheid kann sehr viele Türen öffnen.

Stichwort Männer. Die Schweiz ist ein eishockeybegeistertes Land. Wie hast Du persönlich und wie hat die Schweizer Eishockeyszene die Absage der Männer-WM 2020 und den Verzicht auf eine Bewerbung für 2021 aufgenommen?

Noemi Ryhner: Die Leidenschaft, die in diesem Projekt gesteckt hat, hat man wahrgenommen. Man hat schon lange im Vorfeld darüber gesprochen, berichtet, Emotionen geweckt. Auch über den Stand der Arbeiten für eine unvergesslichen Heim-WM wurde man regelmässig informiert. Ich habe mich sehr auf den Event gefreut und bedaure die Absage natürlich sehr. Es wäre sicherlich ein Eishockeyfest geworden. Auch hätte ich ein paar Spiele besucht. Mein erstes WM-Spiel habe ich 2009 in Bern besucht. Daran kann ich mich nicht mehr so gut erinnern. Als ich aber 2017 in Paris die Gelegenheit hatte zwei WM-Spiele live zu sehen, diese Stimmung und alles drum herum mitzubekommen, war das schon einfach einzigartig und hat unglaublich viel Spass gemacht. Dies und natürlich noch geniale Eishockey-Spiele, was will man mehr?

Aufgrund der Situation verstehe ich den Entscheid des Verbands natürlich, und es war sicher das Vernünftigste. So freuen wir uns auf die Weltmeisterschaft wenn sie in den nächsten 2-3 Jahren zurück in die Schweiz kommt, da bin ich überzeugt.

Du spielst in der Women’s League für Reinach. Wie zufrieden bist Du mit Deiner Saison?

Noemi Ryhner: Ich hatte in Reinach eine durchzogene Saison, sicherlich aber eine meiner besseren. Am meisten Potenzial sehe ich im Moment bei meiner Konstanz. Ich will eine komplette Saison mein bestes Eishockey zeigen können, und natürlich dabei verletzungsfrei bleiben wollen.

Schon in der Saison 2018/19 habt Ihr die Halbfinalserie gegen die ZSC Lions Frauen verloren, diese Saison erneut und zusätzlich im Swiss Women’s Hockey Cup-Finale. Glaubst Du, dass Ihr das „Löwen-Duell“ auch mal gewinnen werdet?

Noemi Ryhner: Ja, da bin ich mir sicher! Wir sind im letzten, wie auch in diesem Jahr sehr bitter ausgeschieden. Wir hatten das nötige Glück definitiv nicht auf unserer Seite. Wir hatten in beiden Jahre viele Verletzte. Immer waren auch Leistungsträgerinnen betroffen. Dazu kam in Spiel 3 dieser Playoffs, beim Stand von 1:1 in der Serie, ein unglücklicher Fehlentscheid des Schiedsrichters beim Penaltyschiessen (ein klarer Treffer auf Seiten Reinachs wurde nicht gegeben). Somit ist Zürich dann mit 2:1 davongezogen. Aus meiner Sicht spielten wir in allen Spielen auf Augenhöhe mit. Es wollte einfach noch nicht auf unsere Seite fallen. Ich bin aber überzeugt, es ist eine Frage der Zeit bis wir das ändern können!


Noemi Ryhner für den SC Reinach in der Women's League                                                                                     (Bild: privat)

Die letzten Monate waren für Dich sportlich und emotional ein Auf und Ab. Was ist alles passiert?

Noemi Ryhner: Ja, es waren wirklich emotionale Monate.

Ende Januar, die bittere Cup Final-Niederlage gegen die ZSC Lions. Anfang Februar freute ich mich dann riesig auf das letzte Turnier mit der Nationalmannschaft in Schweden. Doch das ist mir dann auch nicht nach Wunsch gelaufen. Am 7. Februar im Spiel gegen Finnland habe ich mich gegen Ende des zweiten Drittels verletzt. Ich wurde unsanft gegen die Bande gecheckt und habe mir eine AC-Gelenksluxation an der rechten Schulter zugezogen. Nach zwei schmerzhaften Wochen, dann doch ein kleiner Lichtblick. Ich wusste in sechs Wochen reisen wir an die Weltmeisterschaft nach Kanada: Mein Coach signalisierte mir, dass er an der WM auf mich zählen will. Dies gab mir die nötige Energie, um mich fit zu halten und weiter hart zu arbeiten.

Mein Team spielte die Playoffs gegen die ZSC Lions, und ehrlich ich hasse es bei Spielen meines Teams nur zuzusehen, und nicht selbst helfen zu können. Ich unterstützte meinen Coach an der Bande so gut ich konnte, um für das Team und mich das Beste aus der Situation zu holen. Wie erwähnt scheiterten wir dann aber bitter am ZSC. Am 7. März sind wir dann zum Spiel um den 3. Platz nach Lugano gereist. Ich konnte zwar noch immer nicht mitspielen. Das Spiel verlief klar und das Team siegte am Ende mit 2:7, was die Bronzemedaille für die Reinacherinnen bedeutete.

Am selben Tag, nur kurz nach dem Spiel, folgte aber dann die bittere Nachricht über die Absage der Weltmeisterschaft in Halifax, aufgrund der Ausbreitung des Corona-Virus.

Ich konnte das eine ganze Zeit lang nicht fassen. Mein Team feierte bei der Fahrt zurück im Bus den Medaillengewinn, was für mich in diesem Moment total nebensächlich war

Die Nachricht über die Absage, hat mir in diesem Augenblick mein Herz getroffen. International hatte ich, wie ich fühlte, eine Top-Saison. Ich wollte dies an der WM unter Beweis stellen und mich gleichzeitig um einen Platz an einem US-College bewerben. Dies waren die einzigen Gedanken die mir dann gekommen sind. Ich brauchte einige Tage, um zu realisieren und verarbeiten, dass ich meinen Moment noch immer erarbeiten kann. In diesem Moment dachte ich auch nicht, dass das Coronavirus die Welt so sehr treffen wird. Aus meiner heutigen Sicht, war es der einzig richtige Entscheid. Ich konnte ihn einfach im ersten Augenblick nicht akzeptieren.

Im Sport wünscht man sich bei Krankheit und Verletzung „come back stronger“. Das ist Dir eigentlich auch gelungen. Aber wie würdest Du Deine Emotionen beschreiben, sowohl als Du die Nachricht von der WM-Absage bekamst und vor einigen Tagen von der Genehmigung des Schutzkonzeptes erfuhrst, die Dir ein Mannschaftstraining mit der Frauen-Nati ermöglicht?

Noemi Ryhner: Das ist so. Jeder Rückschlag welcher ein/eine Sportler/in einstecken muss, macht einen stärker, und sie gehören nun auch zum Sport. Man kann aber aus jeder Situation lernen und etwas für die Zukunft mitnehmen. Vielleicht, muss ich sogar sagen, war die Absage nicht mal so falsch. Ich fühlte mich zwar „OK“, aber ich könnte nicht sagen, dass ich schmerzfrei gespielt hätte. Ich spüre die Schulter noch immer täglich und gehe wöchentlich in die Physio-Therapie

Ich bin froh, dass der normale Trainingsbetrieb wieder aufgenommen werden kann. Wir trainieren nun doch schon mehr als einen Monat unter eingeschränkten Bedingungen. Ich freue mich, das „richtige“ Training wieder aufzunehmen und gleichzeitig gibt es eine Gewissheit, in die Saison 2020/2021 starten zu dürfen.

Wie wirst Du Dich sportlich vorbereiten?

Noemi Ryhner: Im Sommer trainiere ich ein bisschen spezieller. Ich trainiere selbständig, abwechselnd mit einer Teamkollegin. Es braucht sehr viel Eigendisziplin. Doch das gelingt mir sehr gut.

Jedes zweite Wochenende findet ein sogenanntes Stützpunkt-Training mit dem Frauen-Nationalteam statt. Dort trainieren wir zusammen mit unserer Off-Ice Trainerin Tatjana Diener. Zu dem kommt der Leistungstest im August. Normalerweise starten die Stützpunkt-Trainings ab 16. Mai. Dies ist uns aber noch nicht bestätigt worden. Ich persönlich rechne mal mit einer kleinen Verspätung (Ende Mai), da noch diverse Abklärungen gemacht werden müssen.

Wie bist Du als Athletin mit der Ungewissheit durch Corona zwischen der WM-Absage und der Nachricht, dass die Frauen-Nati wieder ins Mannschaftstraining einsteigt umgegangen?

Noemi Ryhner: Es war eine sehr spezielle Zeit für mich. Ich hatte auf einmal viel mehr davon. Das kenne ich eigentlich nicht. Ich schliesse diesen Frühling meine Ausbildung ab, was mit der Abschlussprüfung hätte bestätigt werden sollen. Wegen der speziellen Situation wurden diese Prüfungen aber durch die schulischen Erfahrungsnoten ersetzt. Da ich mir eigentlich vorgenommen hatte zu lernen, hatte dies auf einmal auch nicht mehr oberste Priorität.

Was also blieb war Arbeit und Training. Diese Zeit, habe ich auch gebraucht, um neue Energien zu tanken. Natürlich war da dieses Virus und die Ungewissheit betreffend der neuen Saison. Es wird viel geschrieben und kaum jemand hat verlässliches Wissen was und wie wir mit dem Virus noch umgehen sollen oder müssen. Ich nehme es wie es kommt, lasse mich aber nicht verwirren und fokussiere mich auf die neue Saison.

2017 hattest Du einen Kreuzbandriss und konntest fast die gesamte Saison nicht spielen. Die aktuelle Corona-Situation ist im Moment nicht nur für die Sportlerinnen, sondern alle Menschen sehr schwierig bis existenziell. Gibt es vielleicht etwas aus Deinen sportlichen Erfahrungen, wo Du sagen würdest, das könnte Menschen auch außerhalb des Sports helfen, mit dieser emotionalen Belastung besser fertigzuwerden?

Noemi Ryhner: Diese plötzliche vermeintliche Ungewissheit, wie die nächsten Monate weitergehen werden, hat wohl jeden Menschen auf seine/ihre eigene Art und Weise beschäftigt oder sogar belastet.

Menschen haben Ihre Arbeit verloren, sind krank geworden, haben sogar Eltern, Verwandte oder Freunde verloren durch das Virus.

Es ist zu hoffen, dass viele Menschen gesehen oder gemerkt haben, wie schön eigentlich unser Leben ist. Wie sorgenfrei zumindest wir hier in der Schweiz und im angrenzenden Ausland grösstenteils leben können. Schätzen wir die kleinen Sachen und Begegnungen viel mehr, und vergessen wir, dass manche Dinge so selbstverständlich sind.

Das Virus hat Solidarität unter einem grossen Teil der Menschen gestärkt. Ich hoffe wir nehmen diese auch für die Zukunft mit, denn sie hilft denen die sie nötig haben.

Wenn ich all das ausblende und nur mich, meinen Körper und meinen Sport sehe, breche ich diese Sichtweise einfach herunter. Wenn es bei mir gut läuft, mache ich mir keine grossen Gedanken um Verletzungen und Unvorhergesehenes. Alles ist doch gut. Wenn ein solches Ereignis dann aber eintrifft, ist man überrascht und traurig und zuerst mal am Boden zerstört. Das kann auch ich nicht vermeiden. Aber durch meine Erfahrungen und mein Umfeld bin ich vielleicht in der Lage schneller wieder zu mir zu finden. Ich sage gerne, aus Niederlagen und Rückschlagen lernt man immer, und man lernt auch immer wieder etwas über sich selbst. So versuche ich in solchen Fällen viel Energie zu tanken, mich, mein Umfeld und meine Möglichkeiten wertzuschätzen und so aus der Krise zu finden. Vor dem nächsten Rückschlag bleibe ich wohl nicht „verschont“. Aber ich bin wieder etwas besser vorbereitet wie ich zurückkomme.

Ich bin privilegiert einen Sport wie meinen ausüben zu können.

Bleibt gesund und bis bald auf dem Eis!

Vielen Dank, dass Du Dir Zeit fürs Interview genommen hast, viel Gesundheit und alles Gute!

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