Ausgeruhte Russinnen schlagen Frauen-Nati im zweiten Spiel innerhalb von 18 Stunden

22 August 2021
Screenshot: Match TV

(Tim Sinzenich) Gegen frische Russinnen tat sich die Schweizer Auswahl in ihrem zweiten WM-Spiel nach einer nur kurzen Regenerationsphase sehr schwer und verlor mit 3:1.

Die Gegnerinnen Nummer zwei der Frauen-Nati, die Spielerinnen des Russischen Olympischen Komitee (ROC), gingen erwartungsgemäß deutlich langsamer ins Spiel als die US-Amerikanerinnen weniger als nur 18 Stunden zuvor. Die Anfangsphase gehörte den Schweizerinnen, die Scheibe um Scheibe aufs oder in Richtung Tor brachten. Nach einigen Minuten erwachten die Russinnen und machten ihrerseits Druck. Saskia Maurer, die heute im Tor stand, wurde warmgespielt.

Die erste Strafe des Spiels setzte es in der 8. Minute gegen Nadine Hofstetter. Die darauffolgende kurze Unterbrechung nutzte Colin Muller zu einem engagierten Coaching. Seine Spielerinnen ließen in der Folge in der Unterzahl nichts anbrennen.

Die Strafe war gerade abgelaufen, als ein russischer Schlagschuss von Saskia Maurer an die Bande zu Lara Stalder prallte, die den Schwung zu einem schnellen Konter nutzte, zu Phoebe Staenz zurücklegte, welche die goldrichtig stehende Alina Müller anspielte. Müller konnte den Puck seelenruhig ins gegnerische Gehäuse zum 0:1 einschieben.

Einige Strafen ab der 14. Minute brachten der Schweiz eine 4:3- und dann 5:4-Überzahl, doch wirklich nutzen konnten die Eidgenossinen diese nicht.

Die Russinnen brachten zwar insgesamt deutlich mehr Schüsse aufs Tor, aber die Schweizer Defensive stand stabil, und Maurer strahlte zusätzlich eine große Ruhe auf ihre Vorderfrauen aus.

Inmitten einer russischen Druckphase nutzte Lara Stalder einen Pass zu einem tollen Spurt, konnte sich im Alleingang aber nicht belohnen.

Eine gute halbe Minute vor Drittelende gerieten die Russinnen erneut in Unterzahl, nachdem Veronika Korzhaova eine etwas zu rustikale Vorstellung von einem Bully hatte.

Das schnelle Eis nach der Pause versuchten die Schweizerinnen für ihre knapp anderthalbminütige Überzahl zu nutzen, es waren aber ihre Gegnerinnen, die nach einem Konter eine gefährliche Möglichkeit hatten. Bei Gleichzahl sorgte Kristi Shashkina für gefährliche Unruhe vor dem Tor, und auch in der darauffolgenden Szene hatte Saskia Maurer eine Menge zu tun. Aufgrund der daraus resultierenden Unstimmigkeiten ging es vier gegen vier weiter.

In der 25. Minute gab es die zweite Schweizer Variante eines tollen Passes auf eine Routinierin, dieses Mal zog Phoebe Staenz davon, konnte die russische Torfrau aber nicht tunneln.

In einem der zahlreichen Schweizer Powerplays in dieser Phase packte Torfrau Valeria Merkusheva einen Monstersave aus und schnappte sich den Puck mit der Fanghand.

Nachdem eine Russin wieder gut zur Sache ging, standen 27 Sekunden doppelte Überzahl auf der Uhr, doch ein paar Sekunden später ein Schreckmoment für die Frauen-Nati, als Alina Müller zu Fall kam und mit starken Schmerzen das Eis nur mit Unterstützung verlassen konnte. Der Abend war für die Schlüsselspielerin gelaufen.

Die Russinnen schienen mit vier Strafen innerhalb von fünf Minuten Gefallen am Unterzahlspiel gefunden zu haben, konnten sie sich doch auf ihr Boxplay verlassen. Die Schweizerinnen taten sich schwer, und das sollte sich rächen. Nachdem Dominique Rüegg auf die Bank musste und zur Abwechslung Russland ein Powerplay hatte, wurde Saskia Maurer von Valeria Pavlova mit einem Schlagschuss zum 1:1 überwunden. Der Treffer war noch nicht verdaut, als 14 Sekunden später die an der blauen Linie schlecht bewachte Viktoria Kulishova den russischen Doppelschlag perfekt machte und Maurer tunnelte.

Colin Muller reagierte mit einer Auszeit, um wieder Ruhe ins Spiel zu bringen. Doch Russland hatte Selbstbewusstsein getankt und nutzte in der Folge die lange Bank zu einer powerplayartigen Druckphase trotz Gleichzahl auf dem Eis. Erst ein russisches Icing brachte die Schweizerinnen wieder ins Spiel zurück, die anschließend ihre Gegnerinnen zu weiteren unerlaubten Weitschüssen zwangen. Konsequenzen für den Spielstand hatte dies allerdings nicht. Zu Beginn der zweiten Pause standen neben dem zum 2:1 gedrehten Spiel 22 zu 13 Torschüsse zugunsten der Russinnen auf dem Konto.

Zwei Powerplays konnten die Russinnen im letzten Abschnitt nicht nutzen, und so blieb die Frauen-Nati im Spiel, konnte aber nicht wirklich Druck aufbauen. Es waren die Russinnen, die den Ton angaben und zum Beispiel in der 49. Minute einen gefährlichen 2 auf 1-Konter fuhren. Dasselbe Spiel zwei Minuten später, da die Schweizerinnen schon jetzt mehr riskierten. Saskia Maurer verhinderte beide Male Schlimmeres.

Obwohl die Schweiz es nötiger gehabt hätte, hatten die Russinnen die gefährlicheren Chancen und dominierten den letzten Abschnitt weitgehend. Ihre Gegnerinnen konnten einfach nicht genug entgegensetzen oder gar ihrerseits längeren Druck aufbauen. Die Folge war ein für die Russinnen straffreies Drittel, während die Schweiz dreimal Platz nehmen musste. Es lag keineswegs an mangelndem Engagement, eher schien es als mussten sie ihrer Energieleistung wenige Stunden zuvor gegen die USA mehr und mehr Tribut zollen.

Den Deckel drauf machte das in Rot spielende Team 2:45 vor dem Ende, als Maria Batalova den Puck aus der Distanz ins Tor schlenzte. Colin Muller setzte noch einmal alles auf eine Karte und nahm Maurer aus dem Tor, doch am Ergebnis änderte dies nichts mehr..

Nach dem Spiel standen Evelina Raselli, Phoebe Staenz und Coach Colin Muller für ein Interview zur Verfügung.

Waren die Verletzung von Alina Müller und die kurz darauffolgenden Tore eigentlich schon die Entscheidung, weil es damit innerhalb kurzer Zeit mehrere Schläge gab, die Ihr einstecken musstet?
Colin Muller:
Klar, es tut schon weh mit der Verletzung von Alina. Sie ist eine wichtige Spielerin für uns. Wir mussten die Reihen danach ein bisschen umstellen. Dann die beiden Gegentore. Nach dem 1:1 und dann plötzlich dem 2:1 waren wir ein bisschen kopflos in diesen Minuten. Aber nachher habe ich gedacht, wir haben wirklich gut reagiert. Wir haben alles gegeben nachher und gekämpft für den Sieg. Leider fehlte die Qualität am Schluss. Ich meine es hat auch viel mit dem Spiel von gestern zu tun. Wir haben gestern 60 Minuten unheimlich gekämpft, und das hat wirklich viel Kraft gekostet. Und dass wir heute innerhalb von 18 Stunden wieder spielen mussten, das kostet so mental und physisch Kraft. Ich sage nicht, dass das eine Ausrede von uns für heute ist. Aber das hat sicher mit unseren ersten 30 Minuten zu tun, dass wir vielleicht nicht voll bei der Sache waren.

Übermorgen geht es gegen Kanada. Worauf kommt es da für Euch an?
Colin Muller: Es ist alles ein Prozess für uns. Es ist nicht so, dass wir denken, wir gehen übermorgen gegen Kanada und schlagen sie. Aber es ist wichtig, dass unsere Einstellung richtig ist und dass wir unser Spielsystem noch verbessern. Und dass man aus jedem Spiel etwas herausnehmen kann. Und lernen und besser machen. Und dass wir wenn es zum Schluss zum wichtigsten Spiel kommt parat sind, das heisst Powerplay, Penalty Killing, Special Teams – alles zusammen. Aber in diesem Turnier muss man am Anfang konzentriert und in jedem Spiel einfach voll dabei sein im Kopf. Und das waren wir heute nicht und das müssen wir gegen die Kanadierinnen. Jedes Spiel ist ein Spiel, in dem wir besser sein wollen als im Spiel vorher. Es wird ein harter Kampf gegen Kanada.

Wart Ihr achtzehn Stunden nach diesem kräftezehrenden Spiel gegen die USA nicht mehr ganz so frisch in den Beinen und im Kopf gegen ausgeruhte Russinnen?
Evelina Raselli:
Das ist vielleicht eine Erklärung, aber no excuse! Einfach war dies nicht, aber es ist nun mal so, und es liegt an uns, damit umzugehen.

Ihr hattet heute sehr viele Powerplays. Welche Erklärung habt Ihr, warum Ihr diese Powerplays heute nicht nutzen konntet?
Phoebe Staenz:
Wir müssen es noch analysieren, aber es ist vielleicht etwas anders im Vergleich zu gestern. Die Russinnen haben aggressiv gespielt. Wir haben aussen herum gespielt, vielleicht einen Pass zu viel gewollt oder vielleicht das 1:1 gesucht anstatt die Seite zu wechseln. Ich denke die Schüsse haben gefehlt.

20210821 Mara Frey & Emma Ingold

Wieder voll im Einsatz für ihr Team: Mara Frey und Emma Ingold                                                                  Screenshot: Match TV

Ihr habt offenbar mit Mara Frey und Emma Ingold die beiden besten Fans im Turnier. Ist die Instrumentierung mit Kufenschonen und Metallcase eine Premiere bei der WM, oder macht Ihr das schon immer so?
Phoebe Staenz:
Definitiv eine Premiere!

Dann von unserer Seite vielen Dank und alles Gute für Alina Müller!

Russisches Olympisches Komitee (ROC) –Schweiz 3:1 (0:1, 2:0, 1:0)

Tore:
0:1 (10:15) A. Müller (L. Stalder, P. Staenz)
1:1 (30:49) V, Pavlova (A. Shibanova, O. Sosina)
2:1 (31:03) V. Kulishova (O. Bratisheva, N, Pirogova)
3:1 (57:16) M. Batalova (F. Kadirova, A. Vafina)

Strafminuten:
ROC 14 (6/8/0), Schweiz 14 (4/4/6)

Statistik

Top