Frauen-Nati besiegt Russland nach 0:2 Rückstand in Overtime-Krimi

28 August 2021
Geschafft: Das Halbfinale wartet! (Screenshot: SRF)

(Tim Sinzenich) In einem denkwürdigen WM-Viertelfinalspiel kommt die Frauen-Nati nach einem 0:2-Rückstand gegen die Olympischen Athletinnen aus Russland (ROC) im Schlussdrittel zurück und gewinnt die Partie mit 2:3 in der Overtime.

Halbfinal-Himmel oder Plazierungsrunden-Hölle, dazwischen würde es für die Schweizerinnen nichts geben. Man sollte meinen, nach dem schwachen Startdrittel gegen Finnland hätten die Eidgenossinnen ihre Lektion für dieses Do or Die-Spiel gelernt. Doch die Russinnen schlossen gleich ihren ersten Angriff kaltschnäuzig ab. Yelizaveta Rodnova pirschte sich von der Schweizer Defensive unbemerkt vor Andrea Brändli und tunnelte sie nach gerade einmal 78 Sekunden nach Abpraller zur 1:0-Führung.

Nach einem schönen Break und Pass von Phoebe Stänz auf Sinja Leemann konnten die Russinnen sich nur noch mit einem Foul gegen Letztere helfen. Wie bislang bei allen Powerplays des Turniers waren die Schweizerinnen zwar auch in diesem ersten Mal der Partie nicht erfolgreich, der Zug zum Tor stimmte aber und Russlands Torfrau Valeria Merkusheva wurde beschäftigt.

Die Russinnen hatten in der Folge deutlich mehr Spielanteile und konnten den Puck viel im gegnerischen Drittel laufen lassen und immer wieder, trotz vereinzelter Angriffe der Frauen-Nati, Druck auf diese ausüben. In einer dieser Druckphasen hoben die Unparteiischen den Arm nach einem Foul von Lara Christen an Veronika Korzhakova. Die Russinnen hielten weiter den Puck und nutzen das 6 gegen 5 schon nach kurzer Zeit zur 2:0-Führung. Andrea Brändli war nach einigen gebrauchten Minuten bedient und wurde von Saskia Maurer im Tor abgelöst.

Wer nun dachte, dass die Schweizerinnen den Druck erhöhten, sah sich getäuscht. Minutenlang hatte man den Eindruck eines Powerplays und kurzer Bank für die Schweiz, Russland konnte fast nach Belieben den Puck im Drittel, wenn auch meist außen, führen. Immer wieder wurde Saskia Maurer warmgespielt, in der 11. Minute wehrte sie mit einem starken Save einen Rückhandschuss dicht vor ihrem Gehäuse ab.

Hin und wieder gab es auch mal eine Chance für die Frauen-Nati. In der 15. Minute stand Lara Christen vor Russlands Torfrau und zeigte sich selbst zu überrascht von der sich bietenden Gelegenheit.

Mit der Strafbank machten die Schweizerinnen mehr Bekanntschaft als ihre Gegnerinnen. Die Ahndung eines Fouls von Nicole Vallario war nicht einmal eine Minute vorbei, als der Arm erneut zulasten der Eidgenossinnen gehoben wurde und Sinja Leemann in die Kühlbox musste. Beide Strafen blieben immerhin folgenlos auf der Anzeigetafel, und der Rückstand zur Pause wurde nicht noch höher.

Wie verwandelt starteten die Trägerinnen des Schweizer Kreuzes ins Mitteldrittel und prüften gleich die russische Torfrau mit zwei Hochkarätern. Doch auch die Russinnen kamen zu einem gefährlichen 3 auf 1-Konter, den Saskia Maurer aber parierte. In der 25. Minute musste ihr Gegenüber Merkusheva einen guten Schuss von Phoebe Stänz abwehren.

Gefährlich erwiesen sich die Russinnen auch bei Druck, denn sie zeigten ein sehr gutes Umschaltspiel. Doch die Frauen-Nati hielt den Druck aufrecht, setzte hartnäckig nach und erspielte sich einige Chancen, zum Beispiel von Phoebe Stänz und Lara Stalder. Auch wenn dies nichts am Stand auf dem Scoreboard änderte, meldeten die Eidgenossinnen sich eindrucksvoll zurück.

Im Anschluss drehte sich das Blatt zugunsten der Russinnen, doch auch diese konnten ihre Gelegenheiten nicht verwerten. Eine Überzahl der Schweizerinnen war nicht zwingend, sondern wurde ihnen nach einem Konter beinahe zum Verhängnis. Bei Gleichzahl sah es wieder besser aus, es wurden zum Beispiel von Lara Stalder Scheiben aufs oder in Richtung Tor gebracht. Die Russinnen setzten aber ebenfalls immer wieder Akzente.

Doch die Frauen-Nati kämpfte weiter verbissen, so warf sich Laura Zimmermann in einen schmerzhaften Schlagschuss. Eine Unterzahl in der 35. Minute überstand das Team schadlos

Die letzten Minuten gehörten den Russinnen. Zwar gab es keine Riesenchancen, aber sie verstanden es, ihre Gegnerinnen nicht zu sehr ins Spiel kommen zu lassen. Trotz deutlicher Leistungssteigerung und Kampfgeist hatten nach zwei Dritteln 18 zu 8 Torschüsse eine zugunsten der Russinnen eine gewisse Aussagekraft.

Einen guten Schuss setzte Dominique Rüegg zu Beginn des Schlussabschnitts, doch Merkusheva hatte freie Sicht. Bald darauf setzte es das erste Powerplay für die Schweiz, doch das frühe und aggressive russische Forechecking ließ sie nicht wirklich in den Spielfluss kommen. Zu allem Überfluss war es nach gut anderthalb Minuten damit schon wieder vorbei, als Lara Stalder auf der Bank Platz nehmen musste. Doch auch die Russinnen konnten keinen Puck im Tor unterbringen.

Die Frauen-Nati brachte mehr und mehr Scheiben aufs Tor. In der 47. Minute Sinja Leemann gleich mit zwei Starken Aktionen, den Konter entschärfte Maurer souverän. Kurz darauf Lara Stalder, mit einem Alleingang, doch Merkusheva fuhr die Schoner aus. Sie parierte auch zwei Minuten später einen sehr guten Schlagschuss von Sinja Leemann, die zuvor einen Puck abfing. Im Gegenzug eine gefährliche Chance für die Russinnen, die in Saskia Maurer ihre Meisterin fanden.

Die Russinnen konnten nach dem Bully den Puck zwar zunächst im Schweizer Drittel halten, doch Noemi Ryhner überspielte mit einem feinen Pass die neutrale Zone zu Dominique Rüegg, die genau im richtigen Moment Evelina Raselli bedient, die wunderschön mit der Rückhand durch die Schoner zum 2:1-Anschluss trifft.

Es folgte ein regelrechter Vulkanausbruch, nicht nur auf dem Eis und auf der Bank, auch bei Alina Müller auf der Tribüne, die mehrmals vorher am Spiel verzweifelte.

Sieben Minuten vor dem Ende gab es einen ruppigen Check gegen Lisa Rüedi an der blauen Angriffslinie. Platzte der Knoten jetzt endlich auch bei Überzahl? Einen starken Pass von Phoebe Stänz konnte Evelina Raselli nicht verwerten und trotz ihres Nachsetzens kurz darauf konnte sie die Scheibe nicht im Tor unterbringen. Dennoch eins der stärksten Powerplays, welches dem Team weiter Auftrieb zu geben schien. Auf der Tribüne erhöhten Mara Frey und Emma Ingold hörbar die Schlagzahl und Lautstärke an der Trommel.

Die Schweiz jetzt am Drücker, insbesondere Phoebe Stänz blühte auf. Um nur eine ihrer Aktionen zu nennen, zog sie in der 56. Minute ab, setzte nach und pushte ihr Team.

Eine weitere Strafe gegen Russland gut zweieinhalb Minuten vor dem Ende nutzte Colin Muller zu seiner Auszeit, nahm Saskia Maurer vom Eis und ging volles Risiko. Doch seine Truppe war auch bei 6 gegen 4 darauf bedacht, die Scheibe zu kontrollieren. Und wieder war es Phoebe Stänz, und dieses mal landete ihr mustergültig plazierter Schlagschuss im Tor!

Endlich das erste Powerplay-Tor, die Frauen-Nati auf voller Betriebstemperatur. Und wie man es bei ihr auf dem Eis kennt, rastete Alina Müller auch auf nur einem Bein auf der Tribüne aus.


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Schwerelos: Alina Müller                                                                                                                            (Screenshot: SRF)

Mit dem Ausgleich belohnte sich die Frauen-Nati und ließ in der regulären Spielzeit nichts mehr anbrennen.

Beide Teams gingen in die bis zu zehnminütige Overtime bei 3 gegen 3 und mit Sudden Death. Wirkliche Blößen gaben sich beide nicht, bis nach drei Minuten die Russinnen eine gute Chance hatten. Doch Saskia Maurer war weiterhin wild entschlossen, ihren Shutout zu halten. Gleich im Gegenzug zwei Hochkaräter für die Frauen-Nati durch Phoebe Stänz. In der 66. Minute schoss eine Russin am Tor vorbei, Sinja Leemann nahm den Schwung des Abprallers von der Bande mit, zog nach vorne und bediente an zwei Russinnen vorbei exzellent WM-Debütantin Laura Zimmermann, die per One-Timer das vermutlich wichtigste Tor ihrer bisherigen Laufbahn schießt.

Himmel und Hölle - das heißt Tränen bei den Russinnen und Freudentränen und unbändige Jubel bei der Schweiz. Bei der Nationalhymne waren die Spielerinnen fix und fertig und kaum in der Lage diese zu singen, aber wen kümmert’s? Die Frauen-Nati verlor alle Vorrundenspiele und lag lange 0:2 zurück. Doch nach einer Energieleistung steht sie verdient im Halbfinale und spielt um eine Medaille!


Zwischen dieses Team passt keine Scheibe!                                                                                               (Screenshot: SRF)

ROC - Schweiz 2:3 n. V. (2:0, 0:0, 0:2, 0:1)

Tore:
1:0 (01:18) Y. Rodnova (L. Ganeyeva, F.Kadirova.)
2:0 (08:32) I. Markova (V. Korzhakova, Y. Rodnova)
2:1 (49:30) E. Raselli. (D. Rüegg, N. Ryhner)
2:2 (57:44) P. Stänz (L. Christen)
2:3 (OT, 65:29) L. Zimmermann (S. Leemann)

Strafminuten:
ROC 10 (2/2/6), Schweiz 8 (4/2/2)

Nach dem Spiel haben wir Evelina Raselli, Lara Stalder und Colin Muller befragt.

Wieso habt Ihr Euch im ersten Drittel so schwer getan?
Lara Stalder: Gute Frage. Wir wollten da raus. Wir wussten genau, es geht um dieses Spiel. Und die Spiele vorher spielen keine Rolle mehr. Dann stand es schnell mal 2:0, und wir hatten alle so ein Fragezeichen im Kopf. Und dann haben wir noch den Goalie gewechselt für einen neuen Input, und ich glaube von da an blieben wir im Moment. Wir wussten, 2:0 ist nicht sehr hoch. Das erste Drittel müssen wir sicher analysieren, aber danach war es sicher super! Jede hat gekämpft, und wir kamen zurück.

Ihr habt Euch im zweiten Drittel deutlich gesteigert, dennoch hatten die Russinnen mehr Torschüsse, und das Tor war für Euch immer noch vernagelt. Im letzten Drittel seid Ihr dann förmlich explodiert. Was war der Schlüssel zum Ausgleich und was der Schlüssel zum Sieg in der Overtime?
Lara Stalder:
Ich glaube die Emotionen nach dem 1:0 auch. Ich fand schon im zweiten Drittel, die ersten paar Shifts waren super, wir hatten super Energie und wir hatten einfach die Scheibe noch nicht so vor dem Tor. Oder die Leute waren noch nicht vor dem Tor, wo wir sein sollten. Und dann kämpften wir weiter, kamen immer näher ans Tor und hatten gute Rushes. Und als dann das erste rein fiel... das war wie eine Explosion. Ich meine, die Russinnen hatten nichts mehr. Wir haben nachher auch viel mehr Schüsse, viel mehr Aktionen, wir sind besser gelaufen, und ich glaube das hat dann das ganze Spiel gedreht.

Nicht nur Ihr, sondern auch Alina Müller ist förmlich explodiert, nachdem es für sie vorher zum Verzweifeln schien. Wie wichtig ist sie auch abseits des Eises für Euch?
Evelina Raselli:
Sie ist sicher sehr wichtig. Sie ist nach wie vor ein Teil von diesem Team, und sie ist auch für uns. Auch wenn sie nicht auf dem Feld ist, gibt sie alles was sie kann für uns. Und sie ist auch sicher Teil dieses Teams und dieses Sieges heute.

Habt Ihr Alina nach dem Spiel versprochen, sie in diesem Turnier nicht nochmal so leiden zu lassen?
Lara Stalder:
Ich meine, Du gehst ja nicht in dieses Spiel und schreibst es so auf wie es jetzt gekommen ist. Aber schlussendlich ist es so schön zu sehen, sie hatte Tränen in den Augen. Und wir haben diesen Sieg auch ein bisschen für sie... und sie war so ein großer Teil davon in der Vorbereitung, in der Garderobe. Wir sind alle stolz auf jede Einzelne in diesem Lockroom.

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Ausgelassene Stimmung von Evelina Raselli und Lara Stalder auch auf der Pressekonferenz (vlnr)                   (Screenshot: SRF)

Colin, herzlichen Glückwunsch zum Einzug ins Halbfinale. Bevor wir aber darauf schauen, die Frage, was im ersten Drittel los war. Was ist da vom Start bis Minute 8:32 passiert?
Colin Muller:
Ich habe es nicht so schlecht gefunden, ehrlich gesagt. Die Russinnen haben zwar einen Schuss von der blauen Linie, der durchgekommen ist und einen Nahabpraller verwertetet. Und beim zweiten hatten sie einfach rundum irgendwie einen glücklichen Schuss gemacht. Das kann passieren. Ich habe den Frauen vor dem Spiel gesagt „egal was passiert, wir bleiben einfach auf dem Kurs, und wir lassen uns nicht aus der Bahn bringen“. Ich kann nicht sagen, dass wir am Anfang schlecht gespielt haben. Wir haben Druck gemacht, wir haben probiert, unser Spiel zu machen. Super Powerplays haben wir nicht gehabt, die Russinnen hatten gute Chancen. Unser Penalty Killing haben wir gut gemacht, aber bei 5 gegen 5 war es ziemlich ausgeglichen, und am Ende haben wir wirklich besser gespielt bei 5 gegen 5.

Was habt Ihr im zweiten Drittel anders gemacht und was im letzten Drittel gegenüber dem zweiten?
Colin Muller:
Eigentlich nix. Wir haben unseren Spielplan durchgezogen. Wir haben wirklich weiter Druck gemacht auf die Verteidigung vorne. Ich glaube die Frauen haben einfach gemerkt: Dieses Spiel ist zu gewinnen.
Als wir beim letzten Mal gegen Russland verloren haben, hatten wir das 1:0, und dann so viele Chancen, das 2:0, 3:0 zu machen, und wir haben es nicht gemacht. Wir haben das Tor aufgelassen. Und die Russinnen haben das heute gemacht. Sie hatten einen, zwei-Tore-Vorsprung, sie haben nicht das dritte gemacht, das hätte das Spiel wahrscheinlich entschieden. Aber wir haben gemerkt, dass das Tor noch offen ist. Wir gehen. Wir gehen, und wir wollen das.

Was ist jetzt nach diesem wirklich denkwürdigen Spiel möglich für das Team, was in diesem Spiel noch einmal eine Entwicklung durchgemacht hat?
Colin Muller:
Für mich ist die Entwicklung, dass wir ein bisschen Selbstvertrauen holen können und dass wir an unser Spielsystem, an unser Spiel glauben. Und an jede Spielerin und jedes Teammitglied glauben, Vertrauen haben und dass wir einfach spielen können. Wir haben nichts zu verlieren jetzt. Wir haben alles auf dieses Spiel gesetzt. Und wir haben alles gegeben in den letzten zwei, drei Monaten für dieses Spiel. Und das haben wir gewonnen. Und ich bin wirklich froh für unsere Frauen, dass sie das wirklich erleben können. Weil man im Sport so einen Sieg im Leben nicht vergisst.

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