Schweiz erzielt dank Kampfgeist, Moral und Andrea Brändli bisher bestes WM-Ergebnis gegen übermächtige Kanadierinnen

31 August 2021
Entschlossen, ein starkes Spiel abzuliefern: Lara Stalder und Torfrau Andrea Brändli Screenshot SRF

(Tim Sinzenich) Im ersten WM-Halbfinale mit Schweizer Beteiligung nach 2012 konnte Torfrau Andrea Brändli beeindruckende 61 von 65 Schüssen abwehren. Am Ende unterlagen die Eisgenossinnen nach einer ebenfalls beeindruckenden kämpferischen Leistung gegen den Topfavoriten Kanada mit 0:4.

Für die Gastgeberinnen konnte Kapitänin Marie-Philip Poulin seit ihrer Verletzung im Vorrundenspiel gegen den gleichen Gegner erstmalig wieder auflaufen. Die Ahornblätter untermauerten ihren Topfavoriten-Status, die Frauen-Nati war von Beginn dabei und schaffte es immer wieder mal, in die gegnerische Zone vorzustoßen. Die scheibenführenden Angreiferinnen konnten aber gegen vorcheckende Kanadierinnen keine wirkliche Torgefahr ausstrahlen. In der 6. Minute klingelte es erstmalig in Andrea Brändlis Gehäuse nach Direktabnahme von Renata Fast. Gut anderthalb Minuten später fälschte Melodie Daoust einen Schlagschuss ins Tor ab.

In der 11. Minute wurde den Schweizerinnen die erste Überzahl zugesprochen, doch nur 20 Sekunden später war es mit dieser Gelegenheit wieder vorbei.

Auch die zweite Drittelhälfte beherrschten die Hausherrinnen. 20:2 Torschüsse zur Drittelpause sprachen eine deutliche Sprache, aber trotz einiger guter Gelegenheiten für die Gastgeberinnen hielten Andrea Brändli und ihre Teamkameradinnen den Rückstand klein.

In der 22. Minute der erste gefährliche Vorstoß von Phoebe Stänz und Lara Stalder im Nachsetzen und ein paar Sekunden später das Duo erneut mit Zug zum Tor. Kurz darauf ein sehenswerter Nachsetzer und Schlagschuss von Nicole Vallario. Die Kräfteverhältnisse waren dennoch klar zugunsten der Kanadierinnen verschoben, welchen die lange Bank zusätzlich half, ihre Gegnerinnen einzuschnüren. Immer wieder versuchte eine Kanadierin vor der Schweizer Torfrau Aufstellung zu nehmen um nachzusetzen oder Pucks abzufälschen.

Ein Nachschlagen von Emily Clarke gegen Brändli ließ Sarah Forster nicht unbeantwortet, musste im Anschluss als Einzige auf der Bank Platz nehmen. Die Powerplay-Gelegenheit nutzten die Ahornblätter, und der Puck landete am Schlittschuh von Melodie Daoust und nahm eine kuriosen Flugbahn über die schweizerische Torfrau hinweg ins Netz zum 3:0.

Der kanadische Druck hielt an, doch die Frauen-Nati liess keine weiteren Treffer zu. Eine knappe Minute vor der zweiten Pause das zweite Schweizer Powerplay ohne Auswirkungen auf das Ergebnis. Dennoch trotz der langen Bank und der Überlegenheit nur ein weiteres Gegentor zu kassieren und das Torschussverhältnis auf 43:8 zu verbessern verdient Respekt gegen einen Gegner von diesem Kaliber.

Das schnelle Eis nach dem zweiten Pausentee nutzte der Frauen-Nati nicht, auch weil die Pucks zu leicht an die Gegnerinnen verspielt wurden. Es ging weiter, wie man es zuvor gesehen hatte, aber eben auch mit Andrea Brändlis starken Paraden. Und ging der Puck dennoch mal knapp nicht rein, war dies durch harten Kampf zuvor verdient worden. Bei einem tollen Vorstoß in der 51. Minute mit 3 auf 2 entschied sich Dominique Rüegg zugunsten eines Passes, doch ihre Mitspielerinnen wurden bereits bedrängt.

In der 53. Minute dann in dieser weitgehend fairen Partie ein weiteres Powerplay für die Kanadierinnen, doch Noemi Ryhner machte ihnen nach einem Fehler der kanadischen Bluelinerin geistesgegenwärtig beinahe einen Strich durch die Rechnung. Leider ließ der Puck bei der besten Schweizer Chance des gesamten Spiels nicht das Netz zappeln sondern den Pfosten klingeln und schrammte so haarscharf am Shorthand Goal vorbei.

Dreieinhalb Minuten vor dem Ende musste Lena Marie Lutz auf die Bank. Dieses Mal ließen sich die Gastgeberinnen ihre Chance nicht entgehen, und Rebecca Johnston traf mit einem perfekt plazierten Schuss ins Netz.

0,7 Sekunden Powerplay für Kanada vor dem Ende änderten nichts mehr am 4:0 und dem besten jemals erzielten Ergebnis der Frauen-Nati bei einer WM gegen den Top-Favoriten dieses Wettbewerbs.

Als beste Schweizer Spielerin der Begegnung wurde Lara Stalder geehrt. Die Kapitänin wurde neben Evelina Raselli und Lara Christen außerdem von ihren Teamkolleginnen zur besten Spielerin des Turniers gewählt.

Die Reise ist für die Schweizerinnen, die sich mehr als achtbar geschlagen haben, noch nicht vorbei. Heute um 21:30 gibt es die Chance auf Bronze gegen Finnland, SRF überträgt live.

Kanada - Schweiz 4:0 (2:0, 1:0, 1:0)

Strafminuten:
Kanada 4 (2/2/0), Schweiz 10 (2/2/6)

Tore:
1:0 (05:14) R. Fast (B. Jenner, M.-P. Poulin)
2:0 (06:52) M. Daoust (R. Fast, J. Laroque)
3:0 (25:32) M. Daoust (M.-P. Poulin, E. Ambrose)
4:0 PP1 (56:58) R. Johnston (V. Bach, C. Thompson)

Nach dem Spiel haben wir mit Lara Stalder und Assistenztrainer Andrin Christen gesprochen.

Lara, das beste Ergebnis in der WM-Geschichte für die Schweiz nach einem 0:5 in der Vorrunde. Was habt Ihr besser gemacht?
Lara Stalder:
Ja, schwierig zu sagen. Es war ein ähnliches Spiel wie in der Vorrunde. Andrea hat mega viele Paraden gemacht, und vielleicht steht es deshalb 4:0 und nicht 5:0. Wir müssen jetzt nach vorne schauen, und morgen geht es dann um Bronze, und das ist ein Riesenspiel für uns.

Wir wussten, dass die Kanadierinnen unglaublich sind, und sie hatten nach der letzten WM, wo sie eigentlich im Halbfinale rausgefallen sind und dann noch zu Hause... Die kamen vom ersten Puck Drop, und wir haben ein bisschen geschlafen. Schlussendlich super 4:0, aber wir haben bei der Olympiade auch schon 3:1 gegen sie gespielt.

Eine Niederlage ist eine Niederlage, und wir müssen daraus lernen abhaken, und morgen geht‘s weiter.

Fühlt Ihr Euch dennoch gut vor dem Spiel um Bronze gegen Finnland?
Lara Stalder:
Ja, sicher! Am Schluss haben wir gut gekämpft. Für Finnland ist es genau gleich, die haben heute auch verloren. Ich glaube wir wissen, wie man immer wieder aufsteht, und gerade in der Gruppenphase hatten wir ein paar krasse Niederlagen oder emotionale Niederlagen. Wir wissen, wie man davon aufsteht und wie weiter. Und das bessere Team, dass das machen kann, wird morgen gewinnen.

Andrin, verlieren ist nie schön, aber gibt es Unterschiede wie man verliert, und hat Euer Team diesen Unterschied heute gezeigt?
Andrin Christen:
Ja, wie Ihr sagt, es kommt immer drauf an, die Art und Weise wie man auftritt und wie man verliert. Wir haben heute gesehen, es gab sicher Unterschiede. Sie waren stärker am Puck. Aber wir wissen, was wir können. Und ich glaube der Glaube und das Mindset in den Spielerinnen... Die werden heute gut essen, gut schlafen und werden morgen hungrig sein auf diese Medaille, die morgen bereit liegt und die sie sich erarbeitet haben.

Ist das beste Ergebnis gegen Kanada bei einer WM Resultat Eures Prozesses und Eurer Entwicklung?
Andrin Christen:
Ja, ich glaube es zahlt sich aus, und wir wussten, wir konzentrieren uns auf das und auf das, was wir kontrollieren können. Und wir gehen weiter, und wir sind noch nicht am Ende hier.

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