ÖEHV-Geschäftsführer Alexander Helwig: „Die Menschen wollen Eishockey“

Seit einem Jahr ist Alexander Helwig Geschäftsführer des Österreichischen Eishockeyverbandes. Im Interview zieht er eine wirtschaftliche Bilanz und spricht über moderne Wege im Sponsoring, eine neue Kommunikationskultur und darüber, was Österreich auf dem Weg in die Top 10 der Welt noch fehlt.
ÖEHV: Alexander, du bist jetzt ein Jahr Geschäftsführer des ÖEHV. Wie fällt deine Bilanz aus?
Alexander Helwig: Meine Bilanz fällt durchwegs positiv aus, wobei ich zwei Ebenen unterscheiden möchte. Sportlich war die Weltmeisterschaft der Männer mit neun Punkten in der Gruppenphase erneut ein großer Erfolg. Die erste A-WM der Frauen steht noch bevor, weil sie verschoben wurde. Doch auch hier haben wir in der Organisation sichtbare Fortschritte gemacht. Wirtschaftlich war für mich am wichtigsten, dass wir 2025 eine schwarze Null geschafft haben.
Die bereits erwähnte schwarze Null ist für dich oberstes Prinzip. Warum ist eine solide wirtschaftliche Basis für den Verband so entscheidend und wo stehen wir da heute?
Eine solide wirtschaftliche Basis ist das Um und Auf. Das gilt nicht nur für den ÖEHV, sondern für jeden Verein in Österreich – egal in welcher Sportart. Vieles im Sport basiert auf Ehrenamt, wir haben aber auch hauptamtliche Mitarbeiter:innen. Dazu kommt die enorme Teuerung: Dasselbe Programm für unsere Nationalteams kostet uns heute rund 40 Prozent mehr als noch vor drei Jahren. Wir müssen unsere Einnahmen also laufend steigern – nur um den Standard zu halten, vom Ausbau ganz zu schweigen. Unsere Vision ist es, Österreichs Eishockey langfristig Richtung Top 10 der Welt zu entwickeln. Ob Nationalteamprogramme, Infrastrukturprojekte oder der Relaunch der Webseite: Alles kostet Geld. Man kann gewisse Risiken eingehen, aber ohne das nötige Kapital gibt es keine Weiterentwicklung. Deshalb ist es so entscheidend, dass wir jedes Jahr zumindest ausgeglichen bilanzieren und weder Schulden machen noch Eigenkapital abbauen.
Wir haben neue Partner ins Netzwerk geholt. Was können wir ihnen bieten, damit die Zusammenarbeit für beide Seiten echten Mehrwert hat?
Allein heuer ist es uns gelungen, 15 bis 20 neue Partner zu gewinnen und den Umsatz signifikant zu steigern. Möglich wurde das, weil wir den gesamten Commercial-Partnerships-Bereich neu aufgestellt haben. Das heißt nicht, dass vorher alles schlecht war. Sponsoring hat sich jedoch weiterentwickelt: Eine Fläche auf Trikot, Helm oder Bande gegen einen fixen Betrag reicht heute nicht mehr. Wir leben in einer Experience Economy. Unternehmen, die bei uns einsteigen, erwarten echten Mehrwert. Deshalb geben wir keine Pauschallösungen vor, sondern wollen zuerst verstehen, was unsere Partner wirklich brauchen.
Was wünschen sich Partner heute konkret?
Das ist ganz unterschiedlich. Die einen suchen Kontakte in die Politik, andere wollen von unserem Netzwerk profitieren oder uns als Recruiting-Plattform gegen den Fachkräftemangel nutzen. Wieder andere möchten ihr Produkt nah an Nationalteams und Fans heranbringen oder ihre Reichweite in den sozialen Medien steigern. Entsprechend unterschiedlich sehen die Pakete aus, jedes ist maßgeschneidert. Dass das funktioniert, verdanke ich insbesondere meinem großartigen Team. Natürlich können wir nicht alles bieten, denn unsere Nationalteamspieler:innen stehen uns nicht rund um die Uhr zur Verfügung. Wenn sie bei uns sind, helfen sie aber gerne mit, den Eishockeysport nachhaltig weiterzuentwickeln.
„Vertrauen verdienen“ ist einer deiner Führungsgrundsätze. Was heißt das konkret im Umgang mit Vereinen, Ligen, Landesverbänden und allen anderen im österreichischen Eishockey?
Ich habe dieses Prinzip bei Amazon kennengelernt, wo ich an vielen Stationen in unterschiedlichen Ländern arbeiten durfte. Wenn man eine neue Führungsposition einnimmt, ist für mich das Wichtigste, Vertrauen zu allen Beteiligten aufzubauen. Das gilt für das Team in der Geschäftsstelle genauso wie für die Vereine, von der ICE Hockey League bis in die unteren Spielklassen, bei Männern, Frauen und Para sowie für die Landesverbände. Das geht für mich nur mit kompletter Offenheit und Transparenz. In der Vergangenheit gab es manchmal den Vorwurf, der ÖEHV sitze in Wien im Elfenbeinturm, weit weg von der Basis.
Wie möchtest du das ändern?
Indem wir aktiv den Dialog suchen und gemeinsam herausarbeiten, welche Chancen und Risiken es im österreichischen Eishockey gibt. Denn der ÖEHV, das sind wir alle, alle Mitglieder. Im Osten gibt es andere Probleme als im Süden oder Westen – Stichwort Infrastruktur. Trotzdem braucht es eine übergeordnete Strategie, die im Idealfall alle mittragen. Das funktioniert nur mit regelmäßigem Austausch und mit Offenheit für Feedback.
Du wolltest die Kommunikationskultur verändern, intern wie extern. Was hast du dafür angestoßen und wo merkt man das schon?
Intern ging es vor allem um Prozesse. Im operativen Bereich mussten wir an einigen Stellschrauben drehen. Das werden wir auch weiterhin tun. Mir ist wichtig, wie wir miteinander sprechen und umgehen: mit Wertschätzung, Offenheit und Transparenz. Fehler können jeden Tag passieren. Das Feedback von innen und außen zeigt aber, dass wir auf einem sehr guten Weg sind.
Was hat sich in der Geschäftsstelle konkret verändert?
Von außen am deutlichsten sichtbar sind die personellen Veränderungen. Zwei langjährige Teammitglieder haben uns verlassen. Ich bin ihnen für alles, was sie geleistet haben, sehr dankbar. Dafür haben wir drei neue Teammitglieder gewonnen und die Aufgaben intern neu verteilt, wodurch wir effizienter geworden sind. In der externen Kommunikation haben wir das Medienteam von rund 20 auf mindestens 70 Wochenstunden aufgestockt. Mehr Zeit heißt nicht automatisch besser. Sie bietet aber mehr Möglichkeiten, Themen und Lehrgänge zu begleiten. In diesem Bereich waren wir zuvor nicht mehr ganz zeitgemäß. Früher haben wir mit einer externen Social-Media-Agentur gearbeitet, jetzt machen wir das selbst. Dazu kommen ein neuer Social-Media-Auftritt und das bereits erwähnte Rebranding der Webseite. Die Rückmeldungen sind bisher sehr gut. Diesen Weg wollen wir weitergehen.
Dein Ziel ist es, Eishockey zur klaren Nummer zwei unter den Teamsportarten in Österreich zu machen. Was fehlt uns dafür noch?
Gefühlt sind wir gar nicht mehr weit weg, ungefähr gleichauf mit Handball. Bei den Publikumszahlen ist Eishockey ohnehin die klare Nummer zwei hinter Fußball. Man könnte also sagen, das Ziel ist nicht hoch genug gesteckt. Das bringt uns wieder zu den Top 10 der Eishockeywelt.
Dorthin soll es langfristig gehen. Was braucht es dafür und wie realistisch ist dieses Ziel?
Top 10 heißt nicht nur, alle zwei Jahre ein Viertelfinale zu erreichen – bei Männern wie Frauen. Es braucht in ganz Österreich die Voraussetzungen dafür: finanzielle Ressourcen, Infrastruktur, Nachwuchsarbeit und ein klares Bekenntnis. Wir brauchen genügend Eisflächen, um langfristig Nachwuchsarbeit leisten zu können. Ein riesiger Hebel sind finanzielle Anreize: Vereine, die gute Nachwuchsarbeit leisten, sollen dafür belohnt werden und alle anderen sollen einen Grund bekommen, es ihnen gleichzutun. Genau darauf zielt zum Beispiel das Ausbildungskosten-Entschädigungssystem (AKES) ab, das wir in meinem ersten Jahr operativ auf den Weg gebracht haben.
Ein wichtiger Baustein auf dem Weg dorthin ist auch das neue Bundesleistungszentrum in Villach.
Genau, am 16. November wird das Bundesleistungszentrum für Frauen-Eishockey in Villach eröffnet. Wie unser Präsident Klaus Hartmann schon gesagt hat: Das ist ein Leuchtturmprojekt, das es so in Europa noch nicht gibt. Es wird vor allem dem Frauen-Eishockey – mit einer zusätzlichen Eisfläche aber auch dem gesamten Eishockeysport – einen weiteren Schub geben.
Welche Rolle spielt die Politik auf diesem Weg?
Die Politik spielt eine große Rolle. Die Frage muss lauten: Ist Eishockey eine Sportart, die wir in Österreich fördern und an die Weltspitze bringen wollen? Ich bin klar dafür – und die Erfolge unserer A-Nationalteams sind starke Argumente. Es braucht aber auch eine bewusste Entscheidung der Politik – und die wählen letztlich wir alle. Die Publikumszahlen zeigen jedenfalls, dass die Menschen Eishockey wollen. Österreich ist ein Wintersportland, Eishockey ist der Teamsport Nummer eins im Winter. Der Skisport wird sich mit der Klimakrise verändern. Ich fahre selbst begeistert Ski, aber ein Skitag ist für Familien eine große Investition. Eislaufen in der Halle ist günstiger und einfacher. Wir haben also fruchtbaren Boden, jetzt müssen wir ihn bepflanzen und gießen.
Bericht: PM ÖEHV
Foto: ÖEHV
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