Schweiz belohnt beste Turnierleistung mit Halbfinaleinzug gegen Russinnen

Feb 12, 2022 | International

​Wie schon bei der WM erwies sich die Frauen-Nati erneut als russischer Alptraum im entscheidenden Viertelfinale, das sich insbesondere im letzten Drittel zu einer wahren Nervenschlacht entwickelte.

Beide Teams starteten munter in die K.O.-Runde, die Russinnen ohne Maske, die Schweiz ließ die kurz zuvor aus der Isolation zurückgekehrte Lisa Rüedi sicherheitshalber noch pausieren. Die erste Chance gehörte den Russinnen, Noemi Ryhner eroberte kurz darauf die Scheibe in der Mitte, passte auf Alina Müller, die Lara Stalder bediente. Stalders Schuss wurde nur knapp von Valeria Merkushevas voll ausgefahrenem Schoner pariert.

Das erste Powerplay in der 8. Minute gehörte den Schweizerinnen, die es nicht für einen Treffer nutzen konnten. Auch die Russinnen konnten fünf Minuten später bei ihrer Überzahlgelegenheit kein Tor verbuchen. Dafür waren sie bei Gleichzahl häufiger am Drücker und hatten mehr Scheibenbesitz. Immer wieder zwangen sie die Schweiz lange in die Defensive, welche stabil dagegenhielt und wenig zuließ.

Zum Drittelende musste man sich aus Schweizer Sicht die Frage stellen, wie man es bei der langen Bank im nächsten Drittel machen will, sollte der russische Druck anhalten. Positiv ins Drittel mitnehmen konnte man trotz höherer russischer Spielanteile 8:6 Torschüsse und eine gute Chance in der letzten Minute.

Die Schweiz gab die richtige Antwort und startete sehr gut ins zweite Drittel. Lara Stalder eroberte den Puck hinter dem russischen Tor und passte zu Evelina Raselli, die den Puck verpasste. Anschließend übernahmen die Russinnen das Zepter, hatten mehr vom Spiel und übten mit Verstärkung der langen Bank über längere Zeit Druck auf die Schweizer Defensive aus.

Ab der 28. Minute wendete sich das Blatt, und die Frauen-Nati mit mehreren guten Chancen am Drücker. Die starke Phase hatte bis zur 34. Minute Bestand, als die Russinnen mit frühem Forechecking zurückkamen. Doch die Schweizer Antwort saß: Alina Müller hielt den Puck mit Übersicht und geduldig hinter dem Tor und bediente Phoebe Stänz genau im richtigen Moment für ihr 0:1.

Die Russinnen reagierten mit hohem Druck, und die Schweizer Freude über die hart erarbeitete Führung hatte zunächst nur gut drei Minuten Bestand. Erst lief das Spiel weiter, doch Unparteiischen nutzten die folgende Unterbrechung für eine Videoanalyse. Diese ergab, dass der Schuss der vor Brändli unbewachten Anna Savonina ins Tor ging und schnell wieder hinaus, nachdem sie unbemerkt von mehreren Verteidigerinnen in Ruhe Maß nehmen konnte.

Der Start ins Schlussdrittel gleich mit mehreren guten Schweizer Aktionen und Torschüssen, eine gute Gelegenheit für Lena Marie Lutz, die allein vor Merkusheva zog. Einen gefährlichen russischen 2-auf-1-Konter entschärfte Nicole Bullo, und Laura Zimmermann versuchte sich mit einem schnellen Move durchzutanken. Das Spiel wurde nach einigen Minuten offener, und die Russinnen nutzten ihren Schwung.

Gleich zwei Begrenzungen spielten in der 47. Minute die vielleicht spielentscheidende Rolle und strapazierten die Nerven aller. Anna Shokhinas Schuss rutschte zwischen Brändlis Schonern durch. Stefanie Wetli versuchte noch zu klären, aber die Scheibe war schon knapp, aber klar über der Torlinie. Colin Muller aber machte von seiner Coaches Challenge Gebrauch, denn kurz zuvor sprang der Puck über die Schweizer Bande, was nach ausführlichem Videostudium der Unparteiischen geklärt wurde – kein Tor!

Genau ins Schweizer Kreuz, aber nicht ins Schweizer Tor ging der Puck, wie die Videoanalyse beweist.

Genau ins Schweizer Kreuz, aber nicht ins Schweizer Tor ging der Puck, wie die Videoanalyse beweist.

Spätestens um kurz nach sieben Uhr morgens europäischer Zeit war reinstes Playoff-Hockey angesagt: Die Frauen-Nati nutzte die Erleichterung und drehte den Spieß um: Im 2-auf-1 passte Keely Moy präzise auf Dominique Rüegg, welche die Scheibe per One-Timer ins Netz zum 1:2 haute.

Im Powerplay Sekunden später hatten die Schweizerinnen gute Chancen, die Führung auszubauen, scheiterten aber spätestens an Merkusheva. Das Schweizer Torschussverhältnis zu diesem Zeitpunkt überragend nach klarem Übergewicht im letzten Drittel. Die Russinnen konnten in ihrem Powerplay in der 52. Minute wie im ganzen Turnier zuvor keinen Treffer erzielen. Eine Gelegenheit zur Vorentscheidung hatte Laura Zimmermann nach ihrem schnellen Move auf dem Schläger, aber wieder hieß die Endstation Merkusheva.

Die Russinnen steckten nicht auf, und nachdem kurz zuvor noch vor dem Nachsetzen von Phoebe Stänz vor dem russischen Tor abgepfiffen wurde, erfolgte dies beim russischen Vorstoß nicht. Polina Luchnikova arbeitete im Getümmel, und Andrea Brändli schob mit der eigenen Kelle den Puck durch ihre Schoner zum ungewollten 2:2-Ausgleich. Aber die Schweiz war voll im Spiel und mit unbedingtem Siegeswillen: Nur 30 Sekunden später Alina Müller im schnellen Vorwärtsgang im Doppelpass mit Lara Stalder – 3:2!

Russland antwortete wütend: Valeria Pavlova traf den Pfosten. Im ungünstigsten Zeitpunkt 97 Sekunden vor dem Ende noch eine russische Überzahl. Doch die eisgenössische Defensive hielt stand, und erst eine gute halbe Minute vor dem Ende zog Russlands Coach trotz langen Scheibenbesitzes der Sbornaja seine Torhüterin. Aber hier stand ein Team auf dem Eis, das Halbfinale fest im Blick. Sekunden vor dem Ende schaute Alina Müller auf die Uhr auf dem Würfel, bekam einen Abpraller und beförderte den Puck im Fernschuss in Unterzahl ins verwaiste russische Tor zum 2:4-Endstand.

Den Russinnen ist trotz der Niederlage Respekt zu zollen, und die Spiele gegen die Schweiz haben schon jetzt das Zeug zum Klassiker dank mehrerer Partien, an welche die Spielerinnen auf beiden Seiten sich sicher lange erinnern werden.

Die Frauen-Nati hat in jedem Spiel des Olympischen Turniers einen Reifeprozess durchgemacht, sich zum Turnierteam entwickelt und diese Entwicklung mit einem verdienten Halbfinaleinzug belohnt, der richtig Spaß auf mehr macht. Mit den USA oder Kanada wartet die zu erwartende schwere Aufgabe im Halbfinale, doch im schlimmsten Fall gibt es da noch die Chance auf die Wiederholung des Bronzecoups von Sochi 2014…

Stimme zum Spiel:
Alina Müller: „Wir haben es uns verdient, wir haben 60 Minuten gekämpft, und es ist megaschön einfach. (…) Wir sind sehr ins Turnier hereingewachsen. Der Modus ist sehr speziell. Wir müssen von Spiel zu Spiel probieren, uns voll zu konzentrieren und besser werden. Rückschläge schnell wegstecken, die vielen Tore, die wir bekommen… Das ist nicht einfach, dass man einfach weitermacht, wenn man so viele Tore kassiert, aber wir sind zusammengestanden. Aber wir haben gewusst, wir haben einmal im Jahr, einmal in vier Jahren so eine Chance, so etwas zu machen. Wir haben einfach alles rausgeholt und mit Herz gespielt. (…) Ich bin megastolz auf das Team.“

Russland – Schweiz 2:4 (0:0, 1:1, 1:3)

Tore:
0:1 (34:31) # 88 Phoebe Stänz (#25 Alina Müller, # 7 Lara Stalder)
1:1 (37:38) # 72 Anna Savonina (# 97 Anna Shokhina, #27 Veronika Korzhakova)
1:2 (47:31) # 26 Dominique Rüegg (# 98 Keely Moy, # 16 Nicole Vallario)
2:2 (56:53) # 87 Polina Luchnikova (# 42 Oxana Bratisheva, # 17 Fanuza Kadirova)
2:3 (57:23) # 25 Alina Müller (# 7 Lara Stalder)
2:4 (59:58) SH1, EN # 25 Alina Müller

Strafminuten:
Russland 4, Schweiz 6

Bericht: Tim Sinzenich
Fotos: Screenshot SRF

 

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